top of page

„Technologie verändert die Altenpflege nicht. Menschen tun es.“

  • Autorenbild: Care-AI
    Care-AI
  • vor 20 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Interview mit der Care-AI-Projektleiterin Stine Gundtoft Roikjær


Drei Jahre lang haben wir im Rahmen von Care-AI Akteure aus Pflege, Wissenschaft und Wirtschaft in Deutschland und Dänemark zusammengebracht. Gemeinsam mit Projekt- und Netzwerkpartnern haben wir untersucht, wie bzw. ob Künstliche Intelligenz die Altenpflege unterstützen kann und welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit Innovationen ihren Weg in die Praxis finden.


Kurz vor Projektende haben wir mit Projektleiterin Stine Gundtoft Roikjær darüber gesprochen, welche Erkenntnisse Care-AI hervorgebracht hat, welche Herausforderungen weiterhin bestehen und warum die Zukunft der Pflege zwar von Technologie unterstützt, aber vor allem von Menschen gestaltet wird.


Was ist aus Ihrer Sicht der größte Erfolg von Care-AI?

Der größte Erfolg besteht für mich darin, dass es uns gelungen ist, den Menschen konsequent in den Mittelpunkt eines Projekts zu stellen, das auf dem Papier von Künstlicher Intelligenz handelt. Statt zu fragen, was KI leisten kann, haben wir immer wieder gefragt: Was braucht gute Pflege und Fürsorge, und wie kann KI-Technologie diese unterstützen?


In der Zusammenarbeit mit Pflegekräften wurde deutlich, wie entscheidend das Wissen über die Lebensgeschichte, Erfahrungen und Wünsche einzelner Bewohner:innen für eine gute, personenzentrierte Pflege ist. Gleichzeitig zeigte sich, dass dieses Wissen im hektischen Pflegealltag oft schwer zugänglich ist und nicht immer genutzt werden kann. Diese Erkenntnis wurde zu einem wichtigen Ausgangspunkt für die Entwicklung unseres KI-Prototyps Claire.


Claire wurde entwickelt, um relevante biografische Informationen über einzelne Bewohner:innen für Mitarbeitende leichter zugänglich zu machen, wenn diese in einer konkreten Pflegesituation hilfreich sein können. Auf diese Weise untersuchen wir, ob Claire bessere Voraussetzungen für fachliche Reflexion und eine individueller gestaltete Pflege schaffen kann.


Aus fachlicher Sicht bin ich stolz darauf, dass wir nicht einfach die Technologie entwickelt haben, die wir uns zu Beginn vorgestellt hatten. Wir haben zugelassen, dass unsere empirischen Erkenntnisse die Richtung des Projekts verändern. Als Forscherin halte ich das für entscheidend. Man muss bereit sein anzuerkennen, dass die ursprüngliche Fragestellung vielleicht nicht die richtige war.


Persönlich bin ich außerdem sehr stolz auf die Zusammenarbeit. Es war nicht immer einfach, Pflegeorganisationen, Forschende, Designer:innen sowie Technologieunternehmen aus Dänemark und Deutschland zusammenzubringen. Gerade dadurch sind jedoch Perspektiven entstanden, die keiner von uns allein hätte entwickeln können.


Welche Erkenntnis hat Ihren Blick auf KI in der Pflege besonders geprägt?

Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis für mich, dass Zugang zu Informationen nicht dasselbe ist wie Zugang zu Verständnis.


Pflegekräfte benötigen nicht nur Informationen. Sie brauchen Zusammenhänge, die ihnen helfen, Menschen besser zu verstehen.


Im Verlauf des Projekts wurde deutlich, dass Lebensgeschichten häufig nur in begrenztem Umfang dokumentiert werden. Deshalb ging es nicht mehr nur darum, Informationen wiederfinden zu können. Es ging zunehmend darum, das wichtige Wissen über einzelne Bewohner:innen überhaupt sichtbar und für die Pflege nutzbar zu machen.


Das hat auch meinen Blick auf KI verändert. Technologie kann einen wichtigen Beitrag leisten, aber nur dann, wenn sie auf ausreichend hoch wertigen Informationen basiert, in sinnvolle Arbeitsabläufe eingebettet ist und eine Pflegekultur unterstützt, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Künstliche Intelligenz kann mangelnde Datenqualität, ungeeignete Prozesse, schlechte Organisation oder eine fehlende Einbindung der Mitarbeitenden nicht einfach ausgleichen.


Welche Bedeutung wird Care-AI nach Projektende haben?

Die wichtigste Bedeutung liegt meiner Meinung nach nicht in einem einzelnen Produkt, sondern in dem Wissen und dem Netzwerk, die entstanden sind.


Heute wissen wir deutlich mehr darüber, welche Voraussetzungen für einen sinnvollen Einsatz von KI in der Altenpflege erfüllt sein müssen: qualitativ hochwertige Daten, die Einbindung von Pflegekräften, digitale Kompetenzen, Vertrauen sowie eine sorgfältige Integration in bestehende Arbeitsabläufe.


Darüber hinaus ist ein grenzüberschreitendes Netzwerk aus rund 40 Organisationen und Unternehmen entstanden, das auch nach Projektende bestehen bleibt. Dieses Ökosystem schafft die Grundlage für zukünftige Innovationen und Kooperationen.


Meine wichtigste Botschaft lautet: Beginnen Sie nicht mit der Technologie. Beginnen Sie mit der Pflege.

Erst wenn klar ist, welche Unterstützung Menschen und Pflegekräfte wirklich brauchen, sollte die Frage folgen, welche Rolle Technologie dabei spielen kann. Pflege bleibt eine zutiefst menschliche Aufgabe. Technologie kann sie unterstützen, aber nicht ersetzen.


Abschließende Gedanken

Care-AI wurde ins Leben gerufen, um den Weg für Künstliche Intelligenz in der Altenpflege zu ebnen. Einen Weg zu ebnen bedeutet nicht, dass das Ziel bereits erreicht ist. Es bedeutet, dass wir das Gelände erkundet haben. Wir haben die Chancen kennengelernt, aber auch die Hürden, ethischen Fragestellungen, organisatorischen Realitäten und menschlichen Werte, die die weitere Entwicklung prägen müssen

.

Und vielleicht am wichtigsten: Wir haben Beziehungen geschaffen, die Fachgruppen, Sektoren und die deutsch-dänische Grenze miteinander verbinden und die Arbeit auch in Zukunft weitertragen können.


Für mich ist das ein wesentlicher Teil des Vermächtnisses dieses Projekts. Die Technologie wird sich weiterhin rasant entwickeln. Unsere gemeinsame Aufgabe besteht darin, sicherzustellen, dass sich unser Verständnis von Fürsorge, Verantwortung und den Menschen, für die wir Lösungen entwickeln, mit derselben Ernsthaftigkeit und Sorgfalt weiterentwickelt.


Für mich liegt darin die eigentliche Bedeutung der Aussage:

„Technologie verändert die Altenpflege nicht. Menschen tun es.“

 
 
 

Kommentare


bottom of page